Wenn du darüber nachdenkst, Lehrerin oder Lehrer zu werden, dann ist dieser Beitrag genau das Richtige für dich. Ich möchte darüber sprechen, was mich am Lehramtsstudium so ein bisschen stört – und zwar geht es dabei ganz grob um das Thema Praxiserfahrung. Denn davon gibt es im Studium verhältnismäßig wenig, also im Verhältnis zu dem, was man später als Lehrkraft macht: nämlich unterrichten.
Eine lange Ausbildung – mit wenig Unterricht
Die Lehrerausbildung dauert lang. Die Regelstudienzeit beträgt insgesamt fünf Jahre, also Bachelor und Master. In Musik ist das sogar noch ein Jahr länger, und dann kommt noch das Referendariat hinzu – also insgesamt sieben Jahre. Dann kann es natürlich sein, dass man – wie beispielsweise bei mir – die Regelstudienzeit gar nicht einhält, weil es einem zu stressig wird oder weil man zwischenzeitlich ins Ausland gehen möchte. So kommt man insgesamt locker auf acht bis neun Jahre. Das ist extrem lang, was gar nicht so schlimm wäre, wenn es wenigstens mehr Praxiserfahrung gäbe.
Warum Praxiserfahrung so wichtig ist
Der Großteil der Ausbildung ist nun mal ein Studium, und im Studium macht man vor allem eines: studieren. Das heißt, Seminare und Vorlesungen belegen sowie Klausuren und Hausarbeiten schreiben. Das ist alles schön und gut, hat mit dem späteren Lehrerdasein aber überraschend wenig zu tun. Wenn man gerade mit seiner Lehrerausbildung anfängt, ist es doch sinnvoll, zumindest eine Kostprobe davon zu bekommen, ob Unterrichten überhaupt das Richtige für einen ist.
Immerhin gibt es ein dreiwöchiges Orientierungspraktikum am Ende des zweiten Semesters, bei dem man wenigstens ein bisschen hospitieren kann. Man kann also auch selbst unterrichten, muss es aber nicht. Das Orientierungspraktikum fand ich sogar ziemlich gut, auch wenn ich zum größten Teil nur Unterrichtsbeobachtungen gemacht habe. Schon allein beim Zuschauen habe ich damals viel gelernt, und auch bei Gesprächen mit anderen Lehrkräften im Lehrerzimmer konnte ich zahlreiche Eindrücke sammeln.
Das Problem ist: Diese drei Wochen gehen schnell vorbei, und danach geht es ganz normal weiter mit dem Studium. Aus meiner Sicht verliert man ziemlich schnell wieder den Kontakt zur Schule, der doch so essenziell ist. Das nächste Praktikum – das Schulpraxissemester – hat man erst Jahre später im Master. In der Zwischenzeit heißt es fröhlich weiterstudieren.
Das Paradoxe: Ich liebe das Lehramtsstudium
Bitte versteht mich an dieser Stelle nicht falsch. Das Paradoxe ist: Ich liebe das Lehramtsstudium – und zwar gerade weil es wenig Praxiserfahrung an der Schule gibt. Man hat in Musik Instrumentalunterricht, Gesangsunterricht und lernt generell viel über Musik, und genau das finde ich toll. Das spricht aber eher dafür, dass ich gerne Musik mache und gar kein Lehrer werden möchte – was tatsächlich genau der Fall ist.
Eigentlich hätte ich direkt nach dem Orientierungspraktikum schon merken sollen, dass der Lehrberuf nicht das Richtige für mich ist, weil ich mich während der ganzen Zeit des Praktikums davor gedrückt hatte, zu unterrichten. Auch in dem darauffolgenden Auslandspraktikum hatte ich zwar viel Spaß und konnte viele gute Erfahrungen mitnehmen, aber vor dem richtigen Unterrichten – also über mehrere Schulstudnen eine Klasse anzuleiten – habe ich mich auch dort immer ein bisschen gedrückt und mich mehr für andere Dinge wie Bücher oder Produktivitätscontent interessiert. Aus zwei Gründen habe ich damals vermutlich nicht mit dem Studium aufgehört: erstens, weil ich nicht gemerkt hatte – oder es einfach ignoriert hatte –, dass ich mich insgeheim vor dem Unterrichten drückte, und zweitens, weil mir das Studium zu sehr gefallen hatte. Ich habe im Studium Leute kennengelernt, die ich sehr gerne mag, und darüber hinaus kann ich das tun, was ich gerne tue – Musik machen.
Erst jetzt versuche ich, aus dem Sumpf, in dem ich schon seit ein paar Jahren feststecke, auszubrechen. Auch wenn es ein schöner Sumpf ist.
Was du daraus mitnehmen solltest
Damit dir nicht das Gleiche passiert, stelle dir unbedingt noch bevor du mit dem Studium anfängst die Frage, ob Lehramt das Richtige für dich ist. Hör nicht auf, es zu hinterfragen, wenn du dir nicht sicher bist, und denke gut über Alternativen nach. Vielleicht möchtest du Lehramt auch nur als Übergangsstudium machen und später einen anderen Weg einschlagen. Ich habe Lehramt zum Beispiel ursprünglich gewählt, weil ich Musik studieren wollte und Lehramt in diesem Bereich so vielseitig ist. Einige konkrete Fragen, die du dir früh stellen solltest:
- Welchen Weg möchte ich später einschlagen?
- Wie komme ich auf diesen Weg?
- Drücke ich mich insgeheim vor dem, was der Beruf eigentlich bedeutet?
Vielleicht stellst du auch fest, dass Lehramt genau das Richtige für dich ist und Unterrichten dein Traumberuf ist – großartig! Lehrerinnen und Lehrer werden immer gebraucht, und du hast damit wahrscheinlich eine sichere Zukunft. Aber rede dir bloß nicht ein, in den Lehrberuf einsteigen zu müssen, nur weil Lehrkräfte gebraucht werden. Du bist es niemandem schuldig, eine Karriere einzuschlagen, die nicht die richtige für dich ist.

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